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2023-09-05 Verbuendete ausserhalb der Werkstatt suchen

2023-09-05_Verbündete außerhalb der Werkstatt suchen

Verbündete außerhalb der Werkstatt suchen

Veröffentlicht am 05.09.2023 09:01 von Franz Schmahl

2023-08-11_Ottmar-Miles-Paul-20 Jahre kobinet ©-Foto-Franz-Schmahl

 

Berlin (kobinet) Das Buch „Zündeln an den Strukturen“ hat ein starkes Echo gefunden. Autor Ottmar Miles-Paul erwartet eine lebhafte Diskussion. Mit einer Brandstiftung ist es nicht getan, meint Miles-Paul heute im kobinet-Interview. Die Strukturen müssen verändert werden. Deutschland leiste sich ein äußerst uneffektives System mit den Werkstätten für behinderte Menschen, das immer mehr auf Kritik stoße und zu überwinden sei..

kobinet: Eine vorsätzliche Brandstiftung wird vertuscht. Die Behinderten-Werkstatt noch größer als zuvor wieder aufgebaut. Dein Buch zündelt an den Strukturen. Wann wird so ein „geschützter Arbeitsplatz“ tatsächlich mal abgefackelt?

Miles-Paul: Der Aufhänger meines im August erschienenen Romans ist in der Tat eine Brandstiftung. Begangen von drei behinderten Menschen. Sie sind so frustriert von der Situation und vor allem von den mangelnden Veränderungsmöglichkeiten in ihrer Werkstatt, dass sie keine andere Möglichkeit sahen, als sie des nachts abzufackeln. Wie bei den meisten Romanen, die kriminelle Taten als Aufhänger nutzen, rückt bei dieser Geschichte die Brandstiftung in den Mittelpunkt. Dann prägen Fragen den Fortlauf des Romans: Was wäre möglich, wenn wir in unserer Stadt keine Werkstatt für behinderte Menschen hätten? Was könnte getan werden, dass es für die einzelnen behinderten Menschen passendere, inklusive und auch besser bezahlte Beschäftigungsmöglichkeiten als in der Werkstatt gibt? Und natürlich geht es auch um die Interessen der verschiedenen Akteur*innen, wie beispielsweise die der Werkstattbetreiber*innen.

Kobinet: Das ist also wie im richtigen Leben …

Miles-Paul: …deshalb habe ich für das Buch auch die Bezeichnung Reportage-Roman gewählt. Und natürlich stecken hinter all dem politische, finanztechnische und gewachsene Machtstrukturen, an denen durch die Brandstiftung und die Bemühungen für alternative Beschäftigungsmöglichkeiten kräftig gezündelt wird. Was in der realen Diskussion oft untergeht ist, wie es behinderten Menschen geht, die sich in der Werkstatt nicht wohl fühlen, dort zum Teil schlecht behandelt werden, kaum Chancen auf eine Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen. Außerdem werden sie weit unter dem Mindestlohn bezahlt.

Ob es sich dabei wirklich um „geschützte Arbeitsplätze“ handelt, dieser Frage können die Leser*innen des Romans intensiv nachgehen. Ein Mitglied des UN-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen hatte bei der Staatenprüfung Deutschlands zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gerade dazu eine eindeutige Haltung: Behinderte Menschen selbst brauchen nicht viel mehr Schutz als nicht behinderte Menschen. Sie brauchen aber Schutz, wenn sie in Situationen und Institutionen leben müssen, vor denen sie geschützt werden müssen.

Diese Aussage zu unserem „Schutz“-Verständnis hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ob und wann ein solcher vermeintlich „geschützter Arbeitsplatz“ tatsächlich mal abgefackelt wird, auch dazu bietet der Roman Einsichten und vor allem auch Alternativen. Innerlich lodern in vielen behinderten Menschen sicherlich so manche zündelnde Flammen angesichts der vielfältigen Diskriminierungen, Abwertungen und Benachteiligungen.

Deshalb hoffe ich, dass wir dieses Feuer, das in uns und leider allzu oft auch an uns brennt, vielleicht auch mit ein bisschen Hilfe dieses Romans in gezieltere Bahnen – nämlich auf die Strukturen – richten können, um Veränderungen zu erreichen. Denn das zeigt der Roman leider auch, dass es mit einer Brandstiftung nicht getan ist, sondern die Strukturen verändert werden müssen. Wir brauchen Menschen, die Türen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt und zu fairen menschenrechtlich akzeptablen Arbeitsplätzen für alle öffnen.

kobinet: Hab ja im Nachwort gelesen, „dass es keiner Brände bedarf, um den nötigen Strukturwandel zu echter Inklusion zu erreichen“. Aber muss man nicht verstehen, wenn Betroffene sich wehren, aus Notwehr oder in einem Akt der Befreiung kaputt machen, was sie kaputt macht?

Miles-Paul: Der 1969 von Rio Reiser (Musik) und Norbert Krause (Text) entwickelte Song, der 1970 von den Politrockern „Ton Steine Scherben“ als Single veröffentlicht wurde mit dem Titel „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ kam mir beim Schreiben des Romans immer wieder in den Sinn. Und oft werde ich nun auch darauf angesprochen. Der Slogan „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ wurde im Umfeld der deutschsprachigen Autonomen, beispielsweise in der Hausbesetzerbewegung und in neoanarchistischen Kreisen im Anschluss an die Studentenbewegung der 1960er Jahre bekannt …

kobinet: Rio Reiser hat den Song in Kreuzberg unter dem Eindruck vom Pariser Mai 1968 verfasst. Seine Lieder kamen in diesem Sommer wieder auf eine Berliner Bühne …

Miles Paul: Auch wenn es in der Behindertenbewegung Parallelen und berechtigten Frust über mangelnde Verbesserungen zu anderen Bewegungen gibt, ist den meisten zum Glück klar, dass durch Brandstiftungen keine Probleme gelöst werden können – außer vielleicht in einem Roman. Behinderte Menschen sind zudem enorm abhängig von den Unterstützungsleistungen, die ihnen zur Verfügung stehen, denn ohne diese würden sie oft ohne alles dastehen.

Mit dem Roman wollte ich dennoch deutlich machen, wie verzweifelt viele behinderte Menschen sind, weil sich kaum etwas ändert. Und auch ich bin zuweilen unheimlich verzweifelt darüber, wie beharrlich das dominierende aussondernde System der sogenannten Behindertenhilfe ist. Deshalb müssen wir Ventile finden, durch die wir unseren Frust und unsere Ungeduld deutlich machen und vor allem echte Veränderungen erreichen können. Dies bildet auch den Hauptteil des Romans: wie können wir Alternativen vorantreiben und Türen für behinderte Menschen öffnen, die nicht mehr in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten möchten – ohne Brandstifter*innen zu werden. Und hier sind vor allem die Politik, Verwaltung und die in der sogenannten Behindertenhilfe Tätigen gefordert, aber auch Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber.

Kobinet: Wie lange kann sich Deutschland noch Werkstätten leisten, die ihre erklärte Aufgabe nicht erfüllen, behinderte Menschen fit für den regulären Arbeitsmarkt zu machen?
Miles-Paul:
Deutschland leistet sich wirklich ein äußerst uneffektives System mit den Werkstätten für behinderte Menschen angesichts der eingesetzten Mittel. Diese sind zu Daueraufenthaltsorten geworden, obwohl sie die Aufgabe haben, behinderte Menschen fit für den allgemeinen Arbeitsmarkt zu machen und dahin zu vermitteln. Wenn jährlich weniger als 0,5 Prozent der behinderten Beschäftigten vermittelt werden, dann zeigt das, dass dieses System versagt. Dass dieses System weiterhin so agieren kann und die Angebote zum Teil noch öffentlich gefördert ausbauen kann, hat auch viel mit den Verquickungen von Politik und Verwaltung mit den Betreibern dieser Aussonderungseinrichtungen zu tun. So manche Posten werden hier von Leuten besetzt, deren in der UN-Behindertenrechtskonvention menschenrechtlich definierte Aufgabe es ist, Alternativen zu dieser Aussonderung zu schaffen und nicht immer neues Geld in die Werkstätten zu pumpen. Hier muss also dringend etwas getan werden und das beginnt die Politik zum Glück auch langsam zu verstehen. Deshalb wollte ich den Roman mit der Sichtweise einiger Betroffener auch unbedingt vor der Staatenprüfung Deutschlands zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention vor dem UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen am 29. und 30. August 2023 veröffentlichen. Dies ist mir zum Glück und vor allem mit entsprechender Unterstützung einiger Akteur*innen gelungen.

kobinet: International stoßen die deutschen Exklusionsstrukturen bei Bildung, Arbeit und Wohnen weiter auf Kritik. Der Staat muss seinen Verpflichtungen aus der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen endlich gerecht werden. Politiker dürfen nicht länger Behinderten-Werkstätten in Inklusionsstätten „umlügen“. Was können die Betroffenen jetzt in den Werkstätten selbst tun?

Miles-Paul: Bereits bei der ersten Staatenprüfung Deutschlands im Jahr 2015 hat der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen Deutschland ins Stammbuch geschrieben, dass diese Strukturen nicht menschenrechtskonform und schon gar nicht inklusiv sind. Deutschland solle daher nicht nur Strategien für Veränderungen entwickeln, sondern diese konsequent umsetzen. Dies wurde bei der Staatenprüfung jetzt in Genf nicht nur bestätigt, sondern Deutschland wurde bescheinigt, dass Bund, Länder und Kommunen die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Sachen Inklusion nicht verstanden haben und es kaum Bemühungen für einen nötigen Transformationsprozess gibt

kobinet: Und nun?

Miles-Paul: Ich hoffe, dass diese Botschaft ankommt und die Behindertenbewegung dadurch Rückenwind für echte und schnelle Veränderungen hin zu einem wirklich inklusiven Arbeitsmarkt bekommt.

Für Werkstatträte, die sich in Werkstätten für behinderte Menschen engagieren, tut es meines Erachtens Not, sich ebenfalls verstärkt mit dem Geist und den Anforderungen der Behindertenrechtskonvention zu befassen und den Veränderungsprozess offensiv zu unterstützen. Für einzelne behinderte Menschen in den Werkstätten, die dort nicht zufrieden sind, lohnt es sich meines Erachtens, sich Verbündete außerhalb der Werkstatt zu suchen, die sie dabei unterstützen, stärker zu werden und neue Wege auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu gehen – und sei es auch erst mal nur ein Praktikumsplatz zu suchen. Wichtige Ansprechstellen könnten hierfür die ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstellen (EUTBs), Selbstvertretungs- und Elterninitiativen sein, die hier unterstützen oder an Unterstützer*innen verweisen können. Für diejenigen der über 25.000 Werkstattbeschäftigten, die auf ausgelagerten Arbeitsplätzen zum Teil schon seit längerer Zeit bei ganz normalen Unternehmen arbeiten, bietet es sich an, mit ihren Arbeitgeber*innen darüber zu reden, ob nicht auch eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung über ein Budget für Arbeit mit entsprechender Assistenz möglich wäre. Wie das funktionieren kann, damit haben sich die Akteur*innen im Roman ausgiebig beschäftigt.

kobinet: Brandstiftung als Befreiungstat?

Miles-Paul: Prof. Dr. Marianne Hirschberg von der Universität Kassel hat sich intensiv damit beschäftigt, inwieweit die Behindertenbewegung eine Befreiungsbewegung ist oder sein müsste. Mit dem Roman wollte ich aufzeigen, dass wir allen Grund haben, dass wir behinderte Menschen uns selbst aus enorm abhängig machenden und aussondernden Strukturen befreien – so schwer das auch ist. Zuallererst müssen wir also überlegen, was wir konkret tun können, um echte Inklusion voranzutreiben – aber am besten so, dass wir keine Brände legen müssen. Gefragt ist vielmehr ein Feuerwerk von Ideen und Veränderungsprozessen, die zu echter Inklusion führen. Dazu können ganz viele Menschen etwas beitragen.

Quelle: https://kobinet-nachrichten.org/2023/09/05/verbuendete-ausserhalb-der-werkstatt-suchen/?sjlrvy2