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„Architekten haben sich nicht genug mit Barrierefreiheit beschäftigt“

Interview mit einem Betroffenen"Architekten haben sich nicht genug mit Barrierefreiheit beschäftigt"

Laut einer Studie wohnt die Mehrheit der Menschen mit Behinderungen in Sachsen in Wohnungen, die nicht an ihren Bedarf nach Barrierefreiheit angepasst sind. Trotzdem könntensich Betroffene in diesen Wohnungen gut einrichten, meint Thomas Naumann. Er sitzt selbst im Rollstuhl und berät beim Selbsthilfenetzwerk Sachsen Menschen, die Probleme mit Barrieren im Wohnraum haben. Mit MDR SACHSEN hat er über Fehler von Architekten, die Zukunft des Wohnens und kreative Lösungen gesprochen.

Bildrechte: MDR/Deborah Manavi

Herr Naumann, laut einer Studie zum bedarfsgerechten barrierefreien Wohnraum in Sachsen ist die Mehrheit der Menschen mit Behinderungen in Sachsen mit ihrer Wohnsituation zufrieden, obwohl die meisten Wohnungen nicht bedarfsgerecht sind. Wie erklären Sie das?

Ich denke da gibt es zwei Punkte. Zum einen hat ander Studie eine relativ alte Bevölkerungsschicht teilgenommen, die von sich aus wenig Interesse daran hat umzuziehen. Der andere Punkt ist, dass man sich seine Wohnung so einrichtet, dass es für einen selber passt. Und da ist eine Veränderung nicht immer gut. Natürlich spielt bei einem Umzug auch die finanzielle Seite eine nicht unerhebliche Rolle. Eine tatsächliche Verbesserung ist meistens mit einer Verteuerung des Wohnumfeldes verbunden. Und das muss man sich erst mal leisten können.

Sie haben in einem Vortrag auf einer Tagung zum barrierefreien Wohnen angedeutet, dass viele Wohnungen, die schon in den 90ern gebaut und als barrierefrei deklariert wurden, falsch gebaut wurden. Woran liegt das?

Woran das liegt, kann ich nicht genau sagen. Ich denke, dass sich Architekten in der Vergangenheit nicht intensiv genug mit den Problemen auseinandergesetzt haben. Das Thema ist in vielen Studiengängen nicht zwingend Teil der Ausbildung. Und so entstehen dann eben mal drei Treppen vor dem Fahrstuhl. Ein weiterer nicht ganz unwichtiger Punkt ist, dass die Betroffenen selber erst in den letzten zehn Jahren etwas mehr Lobby bekommen haben, sodass erst jetzt in der Gesellschaft und auch bei Architekten eine gewisse Sensibilität für die Themen entstanden ist.

Können denn auch Wohnungen, die nicht vollständig barrierefrei sind, von Menschen mit Behinderungen genutzt werden?

Wenn gewisse Gegebenheiten vorhanden sind, etwa eine ausreichende Türbreite, durch die man mit einem Rollstuhl durchkommt, dann kann man es sich in seinem wohnlichen Umfeld durchaus sehr gut einrichten. Man kann da natürlich viele Dinge machen, die man in der Öffentlichkeit nicht machen kann. Zum Beispiel kann man die Badtür offen lassen oder Türen eventuell sogar aushängen

Sie arbeiten in der Kompetenz- und Beratungsstelle für barrierefreies Planen und Bauen des Selbsthilfenetzwerks Sachsen. Mit welchen Problemen kommen denn Betroffene zu Ihnen, die eine Wohnung suchen?

Also, es ist zweigeteilt. Zum einen kommen Leute zu uns, die umbauen wollen, weil sie selber oder ihr Partner oder ihre Kinder erkrankt sind. Diese Leute haben dann vor allem Fragen dazu, was baulich und finanziell machbar ist. Wobei wir für das Finanzielle nicht der erste Ansprechpartner sein sollten. Das sind schon eher die Pflegekassen, beziehungsweise Stellen, die den Umbau dann auch bezahlen. Zum anderen gibt es eine größere Gruppe von älteren Leuten, die einfach innerhalb ihrer Wohnung nicht mehr so richtig zurechtkommen. Was man da machen könne, ist oft die Frage. Dabei geht es gar nicht so sehr ums Bauliche, sondern eher darum, wie man sich gegenüber dem Vermieter äußert.

Welche Tipps geben Sie den Betroffenen dann im Umgang mit ihrem Vermieter?

Wir geben ihnen natürlich den Tipp, sich direkt an die Wohnungsgenossenschaft zu wenden, gerne auch mit unserer Unterstützung. Teilweise ist das aber sehr schwierig. Hier in Dresden ist die größte Genossenschaft, also die, die meisten Wohnungen hat, ziemlich schlecht greifbar. Die hat ihren Sitz neuerdings in Bochum und mittlerweile schon dreimal den Namen gewechselt. Da ist es ein ganz schwieriges Herankommen. Da können wir den Leuten auch nicht so viele Tipps geben. Trotzdem versuchen wir zu helfen.

Was schätzen Sie, wie viele Wohnungen in Dresden sind wirklich barrierefrei?

Von den ungefähr 100 Wohnungen, die gerade als barrierfrei angeboten werden, ist nach DIN-Norm gar keine barrierefrei. Ich habe dazu keine Studie gemacht, aber ich denke das kann man so sagen. Es gibt in den Neubauten durchaus Teilbereiche, gerade im Bad, die gut nutzbar sind, die auch durchaus der Norm entsprechen. Aber gleichzeitig hat fast jede Wohnung irgendeine Einschränkung, die der DIN-Norm widersprechen würde. Ich glaube allerdings, dass es gar nicht zwingend notwendig ist, barrierefreie Wohnungen nach Norm zu haben. Oft ist gar nicht der Bedarf nach kompletter Barrierefreiheit vorhanden. Besser wäre es, bei Portalen, wo man Wohnungen finden kann, den Punkt "barrierefrei" nicht ankreuzen zu lassen und stattdessen eher gewisse Punkte, die den Betroffenen helfen, separat aufzuführen. Dann könnte man die Wohnungen spezieller vermitteln, an die Leute, die dies wirklich benötigen.

Wie könnten Wohnungen so gestaltet werden, dass sie für alle Menschen nutzbar sind?

Ich denke, man ist mit der Neufassung der Bauordnung schon einen ganzen Schritt vorangegangen. Indem man einfach festschreibt, dass gewisse Wohnebenen in Mehrfamilienhäusern barrierefrei erreichbar sein müssen. Ansonsten sollte natürlich der Eingangsbereich zwingend barrierefrei sein, sonst macht alles danach nicht wirklich Sinn. Breitere Türen, höhere Grundrissmaße im Bad, eine Dusche statt einer Badewanne sollten in Zukunft auch zwingende Notwendigkeit bei der Planung von Neubauten sein.

Sehen Sie es als realistisch an, dass in naher Zukunft beim Wohnungsbau mehr auf Barrierefreiheit geachtet wird?

Ich kann mir schon vorstellen, dass man zumindest in den urbanen Zentren des Landes auch eine deutlich höhere Möglichkeit schafft, barrierefrei zu wohnen. Und zwar nicht zwingend durch mehr Geld, sondern einfach durch Umdenken bei der Wohnraumgestaltung. Wohnungen haben sich in den letzten 100 Jahren immer wieder geändert. Und jetzt ist man vielleicht auch wieder an einem Punkt, wo man überdenken muss, welchen Raum man wie sehr braucht.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen:MDR SACHSENSPIEGEL | 06.03.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2017, 19:34 Uhr

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